Gratulation
Diether F. Domes zum Siebzigsten
Vor wenigen Wochen, am 1. Juli 2009, konnte der aus dem Mährischen stammende, seit Mitte der 1960er Jahre im Bodenseeraum lebende und arbeitende Maler und Zeichner Diether F. Domes (Jahrgang 1939) seinen 70. Geburtstag begehen. Am 1. August 2009 wird ihm SWR 2 aus diesem Anlass in seiner Reihe ‚Zeitgenossen’ eine 45minütige Sendung widmen, ein Gespräch mit dem renommierten Kulturkritiker und Journalisten Rainer Zerbst, das auch über die Homepage des SWR abrufbar sein wird.
Auch sonst haben die Medien ausführlich und profund über ihn berichtet, und in seinem Heimatort Langenargen, der stolz auf ihn ist, fand aus diesem Anlass ein festlich umrahmtes Werkstattgespräch mit dem Journalisten Eckart Frahm statt. Auch Ausstellungen gab und gibt es: in Ochsenhausen, Kressbronn und, erstmalig, in Olmütz. Das alles nimmt nicht wunder, gehört doch Domes zu den herausragenden, auch überregional bekanntesten Künstlerpersönlichkeiten seiner Generation im südwestdeutschen Raum. Sein vielfältiges Engagement in zahlreichen Künstlervereinigungen ist unvergessen.
Dem Kunstverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart gehört er seit Jahrzehnten an; lange Jahre wirkte er in verschiedenen Funktionen in dessen Vorstand mit; desgleichen in dem der in München ansässigen Deutschen Gesellschaft für Christliche Kunst, und ebenso engagierte er sich in der Sezession Oberschwaben-Bodensee, zuletzt, bis zu deren Auflösung vor einigen Jahren, als Vorsitzender.
All dies zeigt, dass Domes, auch ein Meister des Wortes und der Rede, zu denen gehört, die sich einmischen und die gesellschaftliche Relevanz der Kunst und die Belange der Künstler öffentlich zur Geltung bringen. Darüber hinaus ist er ein begnadeter Lehrer, nicht nur für Kinder, mit denen er so gerne arbeitet, sondern auch an zahlreichen Hochschulen und Einrichtungen wie der TU Dresden, dem Deutschen Farbenzentrum Berlin, der Hochschule für Gestaltung Burg Giebichenstein/Halle, dem Museum der Bildenden Künste Leipzig. Sein ebenso weitläufiges wie vielseitiges, dabei aber höchst konzentriertes und unverwechselbares bildnerisches Werk, zu dem zahllose monumentale Arbeiten im öffentlichen Raum ebenso gehören wie eine Vielzahl von Arbeiten im kirchlichen Raum, umfasst ein imponierendes Spektrum künstlerischer Techniken und Arbeitsweisen und hat viele Auszeichnungen erfahren. Es reicht von der Wand- und Glasmalerei über Metall-, Emaille- und Lichtscheibentechnik, von Holz-, Textil- und Spiegelgestaltungen bis zur Neoninstallation und zu zahllosen Klangzeichen-Aktionen. Ganz zu schweigen von einem koextensiven, nach Hunderten zählenden zeichnerischen, grafischen, glaszeichnerischen und experimentalfotografischen Werk, das gleichsam so etwas darstellt wie das Laboratorium, den Experimentalraum dieses unermüdlich an Innovationen interessierten, rastlos-energischen und stets neugierig bleibenden Künstlers.
Sein bildnerischer Werdegang führte Domes, nach der initialen Begegnung mit der überdimensionalen Glasfenstergestaltung Georg Meistermanns in St. Kilian Schweinfurt, dessen Meisterschüler er später werden sollte, zunächst an die Glasfachschule Hadamar/Westerwald, dann an die der Bauhaustradition verpflichtete Kasseler Werkkunstschule, danach, nach einem Kressbronner Intermezzo bei dem Bildhauer Berthold Müller-Oerlinghausen mit seiner Mosaik- und Keramikwerkstatt, wie schon erwähnt, 1964 an die Karlsruher Kunstakademie und zu Meistermann, schließlich, ab 1967, in die Selbständigkeit des frei schaffenden Künstlers, mit allen Chancen und Risiken, die damit verbunden sind, bis auf den heutigen Tag – und hoffentlich noch lange.
Zwei elementare Erfahrungs- und Wahrnehmungsdimensionen – das Licht und die Linie – sind in ihrer überraschenden Unerschöpflichkeit und Beherrschbarkeit zugleich als wesentliche Grundelemente der künstlerischen Arbeit des selbst längst zum Meister Gewordenen herauszustellen. Dass ein Glaskünstler wie Domes ein besonderes Verhältnis hat zum Licht, das selbst Bewegung ist und Veränderung bewirkt, muss nicht verwundern. Was aber verwundert ist, was mit ihm zur Erscheinung gelangt: durch seine Spiegelungen, Brechungen, Diaphanien, Verschränkungen von Innen- und Außenwelt, Raum- und Struktur-Aus- und -auflösungen, Bestätigungen und Irritationen der Wahrnehmung, Erzeugung von Zwischenwelten, von dynamischen Wirklichkeits-, Sinn- und Denkräumen. So, wie das Licht Quelle der Sichtbarkeit ist, so ist die Linie für Domes Voraussetzung des Sehens, Erkennens und Ordnens, teilt ein, staffelt, strafft, gibt Hinweise zum Sehen, bildet Grenzen und Brücken, schichtet, verkantet, schafft und verwirft Räume, wird zum Detektor für Strukturelles und zum Generator für Strukturierendes, hat realen und medialen Charakter, ist, als Schwebe zwischen zwei Punkten genetisch, unendlich verführend, weiterführend. Die Linie zeichnet nicht nur auf, vor oder nach, was ist. Sie gibt nicht bloß wieder, sondern versetzt in Schwingung, beteiligt sich aktiv an Prozessen der Raumartikulation und ist in mehrdimensionaler Weise beteiligt an der Erzeugung von Sichtbarkeit und an der Erkundung ihrer Poesie, ihrer weltenbildenden, wirklichkeitskonstituierenden Kreativität.
Um deren Artikulation, um das Erlernen und Beherrschen, um den unendlich-unabschließbaren Gebrauch der Sprache der Sichtbarkeit und ihrer Poesie geht es in der künstlerischen Arbeit des Diether F. Domes. Einer Arbeit, die ins Grenzenlose weist mit ihrem vehementen Jenseits-Zug und die doch aus ist auf Verwirklichung, auf den ersichtlichen Zusammenklang von Transitivem und Intensivem und auf jenes Gelingen, das der Dichter Paul Claudel als schöpferische Freude bezeichnet, wenn er sprach von der ‚vision de proportion’. Die kann man erleben, wenn man dem Menschen Domes begegnet, und empfinden in der Begegnung mit seinem meisterlichen Werk, seiner Grammatik und Poesie der Sichtbarkeit.
Mit einem Gedicht von Johann Georg Fischer (1816-1897), betitelt ‚Auf dem Heimweg’, hat Domes sich bei seinen Gratulanten bedankt; das darf hier angeführt werden – mit allen guten Wünschen:
Redet mir nicht von siebenzig Jahren,
Redet mir nicht vom Kräfte-Sparen,
Der eine vertuts und hats doch immer,
Der Andere sparts und brauchts doch nimmer.
Hab ich die Siebenzig nun erklommen,
Und Gott hält mir in allen Gnaden
Die Lust an seiner Wälder Pfaden,
Den fröhlichen Blick zwischen Licht und Wahn,
Und liebe Menschen zugetan,
Wohlan,
So mögen auch die Achtzig kommen.
Michael Kessler